Ereignisse

Abrissparty im Spirit – das Ende einer Ära

30 Jahre war das Spirit ein Anlaufpunkt der Rock- und Metalszene in Dortmund. Es war eine Zeit, in der auch Geschäfte mit Gothik- und Metalausstattung ihren Platz am Ende der Dortmunder Brückstraße fanden. Es war eine Zeit in der es allgemein lautete: Es endet sowieso alles im Spirit. Doch nun verliert sich kaum noch Laufkundschaft hierher und schließlich endet in alles in einer Spirit Abrissparty.

Das Spirit ist klein, alt und in die Toiletten muss man sich regelrecht hineinfalten. Wilkommen ist jeder, der Gitarrenklänge zu schätzen weiß. Doch auch jeder jeder andere sonst, denn in der Woche passt sich die Musik dem Publikum an. Im Partyraum gibt kaum Ausweichmöglichkeit zur Tanzfläche. Nur ein kleiner Nebenraum mit Kicker und Theke und ein Raucherbereich draußen bietet Raum für kurze Verschnaufpausen. Geöffnet wird um 23:00 Uhr, aber bevor die Geisterstunde geschlagen hat verlieren sich in der Regel nur wenige Gestalten hinein. Dafür wird bin in den Morgengrauen hinein gefeiert, denn Schluss ist erst um 6:00 Uhr.

Der Tenor liegt auf Musik hören, tanzen, feiern, weil man keine andere Chance hat und weil jeder Spiritgänger genau das liebt. Es wird gefeiert von der ersten bis zur letzten Reihe. In den letzten Jahren wurde es jedoch immer leerer im Spirit, so dass nun die Abrissparty ins Haus steht. Der Aufschrei ist groß und die Bude auf einmal voll. Schade, dass der Weckruf erst mit der Schließung laut genug klingt. In den letzten Wochen wird dafür umso härter gefeiert.

Zur Abrissparty sagen allein auf Facebook über 1000 Leute zu, mehr als 1800 bekunden ihr Interesse. Bereits gegen 19:00 Uhr treffen die ersten Gäste ein. Die Straße vor dem Spirit füllt sich und bis zum Einlass grölen und singen die Gäste sich schon mal in Feierlaune. Es fragt sich sicher der ein oder andere, ob die Situation nicht gefährlich sei. Die Polizei rückt mit mehr als zwei Dutzend Kollegen an, wohl für den Notfall oder weil sie den Namen Abrissparty beim Wort nehmen. Doch bei den meisten der Gäste handelt es sich um routinierte Konzertgänger, die sich in einer Menschenmenge zu verhalten wissen – mehr oder weniger. Sicher bezeichnete der ein oder andere die Situation als absurd und und verließ den Schauplatz. Der einvernehmliche Tenor liegt jedoch ganz klar bei: Warum kommen alle erst jetzt? Man ist sich wohl bewusst, dass alle ein Stück weit die Schuld an der Schließung tragen.

Dortmund ist voll an diesem Abend

Mit ein wenig Geduld schaffen es die meisten irgendwann auf die Abrissparty. Die Stimmung ist außerordentlich. DJ Mimmi gibt alles, für jeden ist etwas dabei. Rammstein, Ärzte, Motörhead, Volbeat, Six Feet Under, Arthur Brown, alles dazwischen und darüber hinaus, das ein feierträchtiges Riff hat wird gespielt. Die Menge hüpft, tanzt und singt um die Wette. Kurt Cobain selbst kann man bei „Never Mind“ kaum noch hören. Zwischendurch hört man immer wieder Ansagen, dass es zum Pogen zu voll sei, doch Fallende werden schnell wieder auf die Beine gestellt. Niemand ist bereit heute Abstriche zu machen. Es wird im Raum geraucht – was ist schon zu verlieren? Das Spirit wird schließen. Es ist wie ein Sprung in der Zeit, zurück zu alten Liedern, alten Gewohnheiten nochmal zum Abschied.

Hinter der Theke joggt die Bedienung förmlich, um alle zu versorgen, kommt dem Andrang kaum nach. Ich hinterfrage das kritisch für mich, denn der ein oder andere verzichtet auf ein Getränk, weil es zu voll ist und die Wartezeit zu lang. Andere Mitarbeiter versuchen in Kisten leere Flaschen einzusammeln, kommen jedoch nicht nach. Am Rand der Tanzfläche bilden sich nach und nach Scherbenhaufen. Das tut der Stimmung jedoch keinen Abbruch.

Normalerweise beginnen gegen 3:00 Uhr die Ersten das Spirit zu verlassen und es wird leerer. Heute steht bis in die Morgenstunden eine Menschentraube vor dem Spirit. Viele lassen es sich nicht nehmen persönlich auf der Abrissparty zu erscheinen und Abschied zu nehmen. Sie warten geduldig vor der Tür bis sie rein dürfen.

Es ist voll, es ist warm, ich klebe an meinen Klamotten, der Theke und jedem, an dem ich vorbeigehe. Viele machen Fotos von Details des Spirit und von den tanzwütigen Partybesuchern. Videos und Fotos werden geteilt, auf Facebook hochgeladen. Die Spiritliebhaber bekräftigen ihre Trauer in den Kommentaren und sind sich einig, dass die Abrissparty dem Spirit würdig war. Das Spirit geht mit einem Paukenschlag.

Liebes Spirit: Ich habe in einem Interview mit der Geschäftsführerin gelesen, dass ihr vielleicht mit einem neuen Konzept wiederkehren wollt. Das erhoffen sich viele und es würde auch mich sehr freuen. Aber auch so sage ich danke. Es war mir ein Fest.

Merken

Please follow and like us:

2 thoughts on “Abrissparty im Spirit – das Ende einer Ära

  1. Wohl wahr. Es war ein würdiger Abschied.
    Es macht mich jedoch traurig, dass ein Pfeiler der alternativen Musik schließen musste. Mehr als mein halbes Leben verbrachte ich den einen oder anderen erinnerungswürdigen Abend im Spirit, mit anschließendem Fischbrötchen im Dortmunder HBF. Auch wenn ich mich nicht mehr an jeden Abend erinnern kann, so bleibt mir dieser letzte definitiv in Erinnerung.
    Jetzt bleibt uns nur noch: Es endet sowieso im..?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.