Blickwinkel

Altenpflege – ein Berufsstand hungert nach Lösungen

Die Zahl schwankt und das sehr. Im Jahr 2016 verdienten Altenpfleger und Altenpflegerinnen monatlich 1705 € (Sachsen) und 2526 € (Bayern) durchschnittlich brutto in Deutschland (www.gehaltsvergleich.com).

Erschreckende Zahlen

Der Mindestlohn für Altenpfleger und Altenpflegerinnen beträgt seit dem 1. Januar diesen Jahres 10,20 € im Westen und 9,50 € m Osten. Das macht bei einer 40-Stunden-Woche und 21 Arbeitstagen 1713,60 € im Westen 1596,00 € im Osten. Ich frage mich, wer davon leben kann. Ich erinnere nochmal kurz: Wir sprechen hier über Brutto-Beträge.

Es wundert niemanden angesichts dieser Zahlen, dass sich nicht mehr Menschen für diesen Beruf erwärmen können. Bekommt ein Auszubildender im dritten Ausbildungsjahr noch 1203 € (Richtwert der Agentur für Arbeit), so ist es nach der Ausbildung nur unwesentlich mehr.

Was auch ins Auge fällt: Männer verdienen auch in der Altenpflege mehr. Als Berufseinsteiger erhielten Männer 2016 rund 70 € mehr Gehalt im Monat, als Frauen. Im weiteren Verlauf sind es durchschnittlich 91 € mehr Gehalt. Irgendetwas stört mich bei diesem Wert besonders, ich kann es nicht erklären.

Die Differenz ist gewaltig

Die Statistik verglich 2016 die eher gut verdienenden Altenpfleger und Altenpflegerinnen mit den eher schlecht verdienenden Altenpflegern und Altenpflegerinnen. Konkret in Zahlen heißt das: 25% der Berufsgruppe verdiente weniger als 1708 € brutto im Monat und 25% der Berufsgruppe verdiente mehr als 3031 € brutto im Monat. Das ist ein Unterschied von sage und schreibe 1323 €. Ich frage mich woher diese Schlucht kommt? Wie kann es sein, dass 25% gut von ihrem Gehalt leben können und die anderen 25% nach Steuerabzug geschätzt 1300 € zum Leben haben – ich würde hier eher sagen: Überleben.

Die Folgen davon sind unübersehbar: Der Berufsstand hat enormen Personalmangel. Es findet sich kaum Nachwuchs, diesen wichtigen Beruf weiter zu führen. Die Anzahl der zu pflegenden Menschen steigt jedoch mit großen Schritten, die Überalterung der Gesellschaft hat verstärkende Wirkung. Meine Prognose: Das System wird über kurz oder lang zusammenbrechen.

Man muss sich eins vor Augen halten

Altenpfleger und Altenpflegerinnen sind maßgeblich für Menschen verantwortlich, die unser Land haben entstehen lassen. Die uns und unsere Eltern nach bestem Wissen und Gewissen groß gezogen haben. Die hart gearbeitet haben für den Lebensstandard, den wir heute genießen dürfen. Diese Menschen sind heute angewiesen auf unsere Hilfe, so wie wir und unsere Vorfahren es seinerzeit auf ihre waren.

Aktuell werden im Wahlkampf die Stimmen laut, die Gerechtigkeit fordern. An Inhalt mangelt es nicht. Es ist der Lohn, der ungerecht ist und die Verantwortung unproportional höher. Die Arbeitszeit lässt ebenso zu wünschen übrig. Nicht nur, dass gleich drei Schichten besetzt werden müssen, durch mangelndes Pflegepersonal ist die Auslastung extrem hoch. Das wiederum führt zu einer Erhöhung der ohnehin schon hohen Belastung und einen hohen Krankenstand, weil dem Druck nicht mal Altenpflegekräfte Stand halten können. Ein Teufelskreis, der so leicht zu durchbrechen wäre.

Wie man sieht: Beim Thema Pflegepersonal müssen Parteien für ihr Wahlprogramm nicht lange suchen, um defizitäre Umstände zu finden. Arbeitszeiten, Personalmangel und natürlich die schlechte Bezahlung können sich die Parteien auf die Banner schreiben. Schulz beruft sich laut altenpflege-online.net auf die Würde der alten Menschen, die er mit auf die Prioritätenliste aufnehmen wolle. Es bleibt nur zu wünschen, dass den großen Worten auch Taten folgen.

Alle Bundestagswahl wieder

Ich erinnere an der Stelle gern nochmal, dass bereits 2013 alle Parteien mehr Geld für die Pflege ausgeben wollten. Eine teure Reform sollte kommen, die mehr Selbstständigkeit der Senioren ermöglicht. Ich denke, das war der falsche Ansatz. Eine Reform sollte kommen, die das System der Altenpflege insofern reformiert, dass einem besseren, qualifizierten Personalschlüssel der Weg bereitet wird. Gut ausgebildetes und nicht überfordertes Personal bringt viele Lösungen schon mit.

Angesichts der Verantwortung, der sich Altenpflegekräfte jeden Tag stellen müssen und der Vielfältigkeit ihrer Aufgaben, wäre es höchste Zeit das System grundlegend zu überdenken. Doch der Berufsstand hat keine Lobby. Erst, wenn wir uns selbst in der Situation wiederfinden und gepflegt werden müssen, werden wir zurückschauen und bereuen unser Geld in die Wirtschaftskrise investiert zu haben.

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2 thoughts on “Altenpflege – ein Berufsstand hungert nach Lösungen

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