Blickwinkel

Crispr/Cas9 – Gefahr, Chance oder Pflicht?

Ein schwieriges Thema, dem ich mich vorsichtig nähern möchte. Schauen wir zunächst kurz auf die Theorie:
Crispr/Cas9 – was steckt hinter diesem Kürzel? Crispr ist eine Abkürzung für Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats. Das bedeutet soviel wie: gruppiert, regeläßige, zeitlich berenzte, kurze, palindromische (im Doppelstrang verlaufende) Wiederholngen. Das beschreibt im Grunde die DNA. Cas9 bezeichnet man die Methode einen DNA-Strang an einer bestimmten Stelle mit der molekularen Schere durchzuschneiden. Um zu verstehen, warum diese Methode so bedeutungsvoll ist, muss man den Hintergrund beleuchten und das menschliche Tun nachvollziehen und hinterfragen.

Der Mensch hat seine Lebensbedingungen verbessert. Die Lebenserwartung eines Menschen der westlichen Zivilisation ist nun höher, die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung besser. Das hat auch dazu geführt, dass Menschen mit Krankheiten überleben. Aber geht das noch besser?

Nehmen wir mal Menschen mit schweren Krankheiten. Vielfach operiert oder dauerhaft mit Medikamenten behandelt, kann man mit Gendefekten lange leben. Dies ist jedoch vielfach mit Schmerzen oder Einbußen verbunden, die die Lebensqualität einschränken.

Ein weiteres Thema sind Behinderungen. Menschen mit Behinderungen fristen glücklicherweise kein Leben mehr außerhalb des alltäglichen Lebens und außerhalb von Sichtweite. Sie werden nicht mehr weggesperrt, wie es in dunkler Vorzeit Gang und Gäbe war.

In der „Natur“ ist es anders, Tiere mit Handicap überleben nicht. Der Mensch entstammt auch der „Natur“, da er der „Natur“ jedoch nicht von sich aus trotzen konnte, hat er die „Kultur“ entwickelt. Und damit auch ethische Vorstellungen. Unser Gewissen, eben die ethische Vorstellung verbietet uns das Beseitigen von Menschen, das ist unmenschlich. Was ist die Folge davon?

  • Wir kümmern uns um Menschen mit Handicap, integrieren sie.
  • Ganze Berufszweige beschäftigen sich damit, Menschen menschenwürdig zu behandeln.
  • Jeder Mensch hat gleiche Rechte, also darf ein Mensch mit Handicap selbst entscheiden, was er in seinem Leben tut.
  • Kinder von Menschen mit Handicap haben ein höheres Risiko selbst ein Handicap zu haben.

Es ist selbstverständlich geworden, allen Menschen so viele Rechte einzuräumen wie eben möglich. Mündigkeit scheint für den Moment ein hohes Gut und Ziel zu sein. Dazu gehören auch die Folgen, und wir werden auch die Kinder von Menschen mit Handicap unterstützen, wenn es notwendig sein sollte. Und deren Kinder.

Sieht man es jetzt ganz pragmatisch, ohne Moral und ohne es ethisch zu hinterfragen, dann bedeutet das: Wir schwächen die Gesellschaft. Das ist hart. Das tun wir nur, weil wir ein moralisches Verständnis entwickelt haben.

Und ohne Moral?

Richten wir den Blick nun auf die Natur. Die Lebewesen in der Natur entwickeln sich weiter. Das tun sie durch genetische Anpassung, durch Mutationen. Mutationen sind Genveränderungen, mit deren Hilfe sich Lebewesen in der Natur den Gegebenheiten anpassen. Dabei brechen DNA-Stränge zufällig oder werden durch andere Mechanismen zufällig neu codiert. Sie haben dann quasi ein anderes „Programm“, und es folgen andere Eigenschaften des Lebewesens. Es entwickelt sich entweder weiter, oder es wird schlechter und hat Nachteile. So erreicht die Natur, dass nur die überleben, die sich am besten den Lebensbedingungen anpassen. Genetische Vorteile breiten sich so aus.

Würde die Natur das besser können, würde sie das planen. Dann würde beispielsweise ein Eisbär anfangen die Eigenschaften abzubauen, die ihn in der Eiswüste des Nordpols warm halten und anfangen Strategien zu programmieren, die sein Überleben sichern. Aber die Natur plant nicht.

Was hat nun das alles mit Crispr/Cas9 zu tun?

Krankheiten, die genetisch bedingt sind, sind auf der DNA gespeichert, codiert. Zwei Wissenschaftlerinnen haben an Bakterien das Verfahren entwickelt und zufällig entdeckt, dass es auch an höher entwickelte Organismen eingesetzt werden kann. Crispr/Cas9 ermöglicht es nun genau die Sequenz heraus zu schneiden, die für die Krankheit verantwortlich ist. Es handelt sich um eine zielgerichtete Genmanipulation auf molekularer Ebene. Im DNA-Strang wird punktgenau der DNA-Strang an der Stelle zerstört, an der die Krankheit codiert ist, buchstäblich „im Gen liegt“. Zelleigene Reparatursysteme flicken den Strang daraufhin zwar immer, jedoch entstehen dabei irreparable Schäden. Ergo: Die Codierung, die Krankheiten verursacht ist kaputt.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Es wird nichts von Menschen neu programmiert. Es werden Fehler zerstört. Vor allem erreichen wir aber, dass Menschen mit Handicap, ohne Handicap leben dürfen!

Blicken wir zurück und fassen zusammen:

Menschen versuchen seit jeher mit den Fehlern, die die Natur in unsere Gene legt zu leben oder diese zu verbessern. Mit Medikamenten, Prothesen oder Therapien. Zunächst haben Menschen ohne fundierten, wissenschaftlichen Hintergrund „herumgedoktert“. Man wusste vor nicht mal 500 Jahren noch nicht mal, dass Hygiene maßgeblich ist.

Immer tiefer hat man wissenschaftlich bewiesen, immer gezielter dosiert. Dann hat man begonnen Medikamente künstlich zu erzeugen. Immer komplexer wurde die chemische Zusammensetzung. Wenn ich das Prinzip übertragen sollte, würde ich sagen:

  • Bei medikamentöser Behandlung versucht man stets die Wellen mit einem Deich einzudämmen.
  • Bei Crispr/Cas9 beruhigt man das Meer.

Meiner Meinung nach ist die Methode Crispr/Cas9 eine logische Fortführung des wissenschaftlichen Fortschritts. Ich gebe zu bedenken, dass es ganz sicher Menschen gibt, die auch andere Sequenzen als Krankheiten verändern möchten. Aber so weit sind wir, zumindest in der embryonalen Phase, noch nicht. Meiner Meinung nach sollte der Mensch kritisch zu dem Fortschritt sein, aber er sollte sich selbst auch nicht im Weg stehen.

 

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1 thought on “Crispr/Cas9 – Gefahr, Chance oder Pflicht?

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